Samstag, 1. März 2014

Gastpost 1/2 ~ "Ich fürchte mich nicht vor der Dunkelheit" von Claudia M. Kraml

Heute gibt es den ersten von Zwei Gastpost. Zuerst ist Claudia M. Kraml dran und demnächst kommt dann noch Luisas Version meiner Geschichte.

Wer nochmal den Anfang lesen möchte:
 "Ich fürchte mich nicht vor der Dunkelheit"


Ich fürchte mich nicht vor der Dunkelheit.“ sagte ich leise zu mir selbst. Doch ich log. In Wahrheit hatte ich schreckliche Angst davor. Jeder Schatten konnte mir im dunklen eine Heidenangst einjagen. Das war nicht immer so gewesen. Es gab eine Zeit, da habe ich die Dunkelheit geliebt. Doch jetzt schaffte ich es nicht mehr ihr etwas gutes abzugewinnen. Sie war böse. Sie verschlang mich. Stück für Stück. Ich traute mich kaum noch zu blinzeln. Ich hatte schreckliche Angst nie wieder das Tageslicht zu Gesicht bekommen. Doch am meisten Angst hatte ich schlafen zu gehen in der Angst niemals wieder aufzuwachen. „Es ist schon spät Nadi.“ sagte meine Mutter und sah mich streng an. Ich nickte steif. Sie hatte ja recht. Früher oder später musste ich mich schlafen legen. Also zog ich mich um und putze mir die Zähne. Dann kuschelte ich mich in mein Bett. Meine Mutter kam in mein Zimmer, wie jeden Abend. Sie gab mir einen Gute Nacht Kuss und sah zu mir hinab. „Du brauchst dich nicht zu fürchten. Der Arzt hat gesagt, dass du gute Chancen hast Nadine.“ sagte sie. Doch sie spürte nicht was ich spürte. Ich war mir sicher, dass ich niemals wieder aufwachen würde. Dennoch nickte ich. „Ja, Mama.“ sagte ich brav und knipste das Licht aus.

Die Aufgabe bestand darin, dieser Geschichte ein ordentliches Ende zu verpassen. Einmal musste noch der Satz "Ich fürchte mich nicht vor der Dunkelheit", darin erscheinen. 

Diese Geschichte ist von:
und wer mal bei ihr vorbeischauen möchte, tut dies am besten hier:
Dies ist ein ganz toller Blog, denn ich sehr gerne lese. Hier findet man viele, schöne und vor allem Unterschiedliche  Rezensionen und auch von Claudia selbst geschriebene Texte und Geschichten. Außerdem gibt es dort auch einen Link zu ihrem eigenen, veröffentlichten Buch und vieles mehr was sich zu lesen lohnt. Ich finde es immer wieder schön, dort mal vorbeizuschauen und wem folgender Text genauso gut gefällt wie mir, wird nicht umhin kommen dort einmal vorbeizuschauen. :)

Und hier ist ihre Geschichte:
Es machte ja doch keinen Sinn, mit ihr über meine Situation zu sprechen. Ich hatte es versucht, aber sie konnte wohl gar nicht anders, als meine Sorgen und Ängste mit einem Lächeln beiseite zu wischen. "Es wird schon wieder", war ihr häufigster Satz, mit dem sie mich zur Weißglut bringen konnte - wusste ich doch, dass sich hinter diesem scheinbar unendlichen Optimismus ganz andere Gefühle versteckten.
Die nackte Angst, so wie ich sie gerade ausstand.
Nein, Mama, es bringt nichts, die Augen vor der Wirklichkeit zu verschließen. Ich weiß genau, dass es jede Minute zu Ende sein kann. Wem willst du mit diesen beruhigenden Worten eigentlich helfen, mir oder dir?
Trotzig hielt ich die Augen offen, obwohl es keinen Unterschied mehr machte. Ich würde mich gegen den Schlaf wehren, bis ich meine Niederlage nicht mehr bewusst erlebte. Am helllichten Tag war alles völlig anders, da standen mir meine Freunde und die ganze Familie bei und gaben mir so das Gefühl, mit mir zu kämpfen. Sie machten mich stark, sodass ich ebenfalls wurde. Ganz von selbst. Doch jedes Mal, wenn sich nachts die Tür hinter mir schloss und meine Mutter mich im Finstern zurückließ, verkehrte sich alles ins Gegenteil. Wiederholt hatte sie mir angeboten, wenigstens die Schreibtischlampe brennen zu lassen, doch das hätte nichts geändert.
Die Dunkelheit war in mir. Sie wurde nur noch deutlicher, wenn sich meine Umgebung ihr anpasste.

Zwei Monate verbrachte ich nun schon in diesem Krankenhauszimmer, einige Ärzte waren inzwischen zu meinen engsten Bekannten aufgestiegen. Auch so einige Schwestern hatte ich bereits kennengelernt, wirklich nette ebenso wie solche, die ihr aufgesetztes Lächeln nur dann sehen ließen, wenn Erwachsene in der Nähe waren. Für diese war ich, Nadine, 16 Jahre alt, nur ein tragischer Fall, den sie nicht zu sehr zu Herzen nehmen durften. 
Denn niemand wusste, was genau mit mir los war. Selbst die erfahrensten Fachleute machten ein ratloses Gesicht, wenn sie über mich beratschlagten und nach Medikamenten suchten, mit denen sie es noch nicht ausprobiert hatten. Obwohl alle diese Tatsache vor mir zu verbergen versuchten und bemüht waren, sich mir gegenüber nichts anmerken zu lassen, hatte ich sie längst durchschaut. Schließlich konnte ich immer noch lesen, und die Worte auf dem Befund, den ein Arzt einmal auf dem Nachtisch vergessen hatte, waren eindeutig gewesen. 
Sie hatten keine Ahnung, was es war, aber es ließ mein Herz immer wieder aussetzen.
Alle anderen hatten sich von dem Unfall inzwischen wieder völlig erholt, meine Eltern, Sina und Antje. In ihr Leben war wieder der Alltag eingekehrt, sie gingen in die Arbeit, in die Schule und studierten. Niemandem war damals etwas Ernsthaftes passiert - ebenso wenig wie mir. Und doch litt ich an Folgen, die mit den paar Kratzern, die ich bei dem Zusammenstoß abbekommen hatte, nicht erklärt werden konnten.

Wie jede Nacht brach es schleichend über mich herein, bis ich mich plötzlich nicht mehr dagegen wehren konnte.
Ich zitterte, ein Schauer lief mir über den Rücken, gleichzeitig pochte mein Herz wie wild, und ich fühlte den Schweiß im Nacken. Gern hätte ich meine Arme und Beine ausgestreckt, das Ende des Bettes und den Nachttisch berührt, um mich zu vergewissern, dass das alles real war. Dass ich wirklich hier lag. Diese Sicherheit drohte mir nämlich zu entgleiten, und das in einer rasanten Geschwindigkeit, die meine Sinne benebelte. So schnell, dass ich meine Gliedmaßen nicht mehr bewegen konnte. Ich versuchte es, doch sie fühlten sich an, als ob sie von Eis überzogen wären. Die beißende Kälte raubte mir den Atem und ließ in mir Bilder entstehen, die ich nie zuvor für möglich gehalten hätte. Erinnerungen an schwarze Gestalten, die im Zwielicht kauerten und auf ahnungslose Passanten warteten, auf die sie sich mit lautloser Eleganz stürzten. Dröhnendes Gelächter, dessen Grausamkeit nur an meine Ohren drang. Ein fesselnder Griff, der keinen Widerspruch duldete, mein Leben in der Hand eines Fremden. 
Er kam auf mich zu. 
Angstvoll riss ich die Augen auf, um diese Ausgeburt meiner Fantasie abzuschütteln, doch die Existenz der hageren Gestalt vor meinem Bett war schwer zu leugnen. Ich versuchte erneut, mich zu bewegen, und stieß dabei mit dem Fuß schmerzhaft gegen den Bettpfosten. Somit erübrigte sich die Frage, ob es sich hierbei nur um einen meiner schrecklichen Albträume handelte. 
Ja, es war dunkel, aber nicht so sehr, als dass ich den feinen Unterschied nicht bemerkt hätte. Das völlige Schwarz in Menschenform, das sich gegen das Grau des übrigen Zimmers abzeichnete. Nun fühlte ich seine Gegenwart auch, sie ließ die feinen Härchen auf meinem Arm in die Höhe stehen und äußerte sich zudem in leisen, aber dennoch vernehmbaren Atemzügen. 
Meine eigenen hatte ich schon längst angehalten.

Die Bedrohlichkeit, die von ihm ausging, wuchs mit jeden Schritt in meine Richtung. Ich hatte keine Vorstellung davon, was er tun würde, wenn er bei mir angekommen war. Und es konnte sich kaum noch um einen Meter handeln, der ihn von mir trennten. Dennoch wollte ich mich nicht abwenden, denn das hätte meine sofortige Niederlage bedeutet. Wieder näherte er sich ein paar Zentimeter, ich nahm alle negativen Erlebnisse der Vergangenheit zugleich wahr und bekam das Gefühl, an dieser schweren Last zu ersticken. Ich sah Spott und Hohn in den Gesichtern längst vergessener Mitschüler, den blanken Ärger eines Freundes, den ich enttäuschen musste, Misstrauen und Geringschätzung und immer, immer wieder die ausdrucklose Miene einer Person, deren Träume man zerstört hatte.
Es war an der Zeit, die Stille zu durchbrechen.
"Ich fürchte mich nicht vor der Dunkelheit!"
Meine Stimme, so dünn und zerbrechlich. Konnte er ihn überhaupt wahrnehmen, diesen Klang, den ich selbst als unerträgliches Zeugnis von Schwäche empfand? Sekundenlang lauschte ich ihm nach, erschrocken über meine , doch dann brach es aus mir heraus. "ICH FÜRCHTE MICH NICHT! ICH HABE KEINE ANGST!! Sieh mir doch in die Augen, wenn du dich überhaupt traust, warum zögerst du denn so lange?! Ich bin ich, und ich bin nicht perfekt, vielleicht ist niemand weiter entfernt davon als ich. Aber jeder Mensch kann sich ändern, wir sind nicht bloß eine Momentaufnahme, die für immer Gültigkeit hat! "

Und ich stand auf, mit einem Ruck, um die lähmende Angst ein für alle Mal abzuschütteln, holte mein Handy unter dem Bett hervor und begann zu tippen. Die Nummer kannte ich auswendig, selbst im Traum, wenn es nun doch einer sein sollte. Natürlich sprang die Mailbox an, es war schließlich Nacht, sie musste jeden Morgen früh aufstehen. Kein Grund, gleich wieder aufzugeben. "Amanda, ich weiß, es ist spät, und höchstwahrscheinlich wirst du dich nur über diese Nachricht ärgern und niemals darauf antworten. Wenn aber doch, wäre ich der glücklichste Mensch der Welt. Es ist so viel schief gelaufen zwischen uns, und ich würde so gern sagen, dass es nicht meine Absicht war. Aber das stimmt nicht, ich wollte dir weh tun, nachdem du mit Luca zusammengekommen warst. Mit all den bösen Gerüchten, die ich hinter deinem Rücken über dich verbreitete, und später den Schulsachen, die du nicht mehr finden konntest. Mir waren deine beruflichen Aussichten herzlich egal, ich wollte nur dem Hass nachgeben, der mich aufwühlte, wann immer wir uns begegneten. Und als du dann gerade so durch das Abitur kamst, weil dir deine 'Freundin' nur die Hälfte der Informationen gebracht hatte, als du krank warst - ja, ich gebe es zu, da sah ich das Ganze sogar ein bisschen als Niederlage an. Aber dass du dann nicht an die einzige Kunstuni weit und breit gehen konntest, weil dein Notendurchschnitt zu schlecht war... Das hatte ich nicht erwartet. Ich hatte keine Ahnung von Hochschulen, Durchschnitten, finanziellen Sorgen und was das alles für deine Zukunft bedeutet. Ach Amanda, ich rede wieder mal viel zu viel. Es ist nur... ich möchte, dass du endlich weißt... nach zwei Jahren..."
Der Schatten hinter mir legte seine Hand um meine Kehle.
"... es tut mir wirklich so unbeschreiblich leid. Ganz ehrlich. Das ist alles, was ich dir sagen wollte."
Auflegen, Handy ausschalten, Warten auf die Attacke des Unbekannten. Jetzt, wo es in diesem Raum wirklich nur noch uns beide gab, würde es für ihn ein Leichtes sein...
Doch sie kam nicht. Als ich mich nach einer halben Ewigkeit umdrehte, war im ganzen Raum nichts weiter zu erkennen als ein schmaler Lichtstreifen über dem Vorhang. 
Ich sank auf den Boden, hundert Emotionen kämpften um die Vorherrschaft in meinem Gesicht. Ihnen allen gemeinsam war eine Leichtigkeit, von der ich nicht gewusst hatte, dass ich sie kannte. Unfassbare Ruhe verschloss meine Augen, und als ich sie wieder öffnete, tanzten die Sonnenstrahlen auf meiner Wange. Eine getrocknete Träne verschleierte meinen Blick.
Und ich spürte, dass ich wieder aufstehen würde.

Hinterlasst unbedingt Kommentare, wie euch diese Version der Geschichte gefallen hat. :)

Alles liebe,
eure Ellen


Kommentare:

  1. Hey :)
    Vielen Dank fürs Veröffentlichen! Echt schön, wenn man an seinem Geburtstag bei Blogger vorbeischaut, die Leseliste runterscrollt und dort seinen eigenen Namen sieht :D
    Alles Liebe,
    Claudia

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    1. Gerne doch und ich wünsche dir alles gute nachträglich :D.
      Dann hat das ja gut gepasst mit der Veröffentlichung. :D :)

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